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Eine kurze Geschichte der „Goldhaube“

 

Die Luftraumüberwachung und - bewirtschaftung wie sie heute über Österreich gemeinsam von Austro Control und dem Kommando Luftraumüberwachung durchgeführt wird, hat ihren Ursprung im legendären Projekt "GOLDHAUBE", beginnend in den späten 1970er Jahren.

Bereits in diesen Jahren zeigten Prognosen, dass Fliegen zu einem Massenphänomen werden würde. Die prognostizierten Zahlen legten damals schon nahe, dass auch Österreich mit dem Auftreten hunderter gleichzeitiger Flugbewegungen würde rechnen müssen.

Eine solche Menge an Flugbewegungen kann aber nicht mehr mit den damals eingesetzten Mitteln, wie Flugplänen in Papierform, Papierstreifen und klassischen Radarschirmen, die reine Leuchtpunkte zeigen, bewältigt werden. Ein moderneres System zur Luftraumüberwachung/Luftraumbewirtschaftung war also notwendig.

 

Die dafür eingesetzten Experten legten folgende Empfehlungen vor :

Daraus entstand ein in Österreich bis dahin einzigartiges Großprojekt, im Zuge dessen zwei Kontrollzentralen, mehrere Radarstationen in Gebirgslagen, alle dazu notwendigen EDV-Systeme, alle dazu notwendigen Übertragungseinrichtungen quer durch das Land, sowie Funkstationen etc. errichtet wurden. Dieses gesamte Projekt erhielt den Projektnamen GOLDHAUBE.

Also, zur Klarstellung: die GOLDHAUBE ist NICHT - wie Zeitungen oft fälschlicherweise geschrieben hatten - die Kuppel auf dem Radarturm auf der KORALPE, sondern der Projektname für das gesamte österreichweite Luftraumüberwachungssystem.

 

Ein Unterschied ergab sich bei Beschaffung der modernen, digitalisierten Radargeräte.

Siehe dazu den Beitrag zu "Radar, Technik und Anwendungen"

Die zivile Seite konnte auf handelsübliche Air Traffic Control Radargeräte, wie sie schon damals am Markt erhältlich waren, zurückgreifen. Sie entschieden sich damals für das Flugsicherungsradar von der französischen Firma THOMSON CSF (heute THALES ATM) vom Typ TA10M / RSM870.  Die Antenen solcher Systeme haben ein typisches Aussehen:

Quelle: Google Bilder
Ziviles "2D" ATC-Radar - Beispielfoto

Man erkennt im unteren Teil eine Reflektor Antenne – Teil einer gedachten Parabolfläche - die die von vorne in das Parabol hineingestrahlte Energie in Form eines aufrecht stehenden Fächers in den Raum hinausstrahlt. Eine solche Antennenform bildet eine fächerförmige Sendekeule, die vom Boden bis in große Höhen gleichzeitig reicht, und alle Flugziele innerhalb des Fächers in allen Höhen gleichzeitig erfasst. Eine solche Antennenform liefert zwar die Information „in Entfernung X fliegt etwas“, aber nicht in welcher Höhe dieses „etwas“ auch fliegt. Man nennt so ein Radar daher auch ein „2D-Radar“.

Die fehlende Höheninformation ist aber für die zivile Flugverkehrskontrolle kein Problem. Deren „Kunden“ wollen ja gesehen werden, denn sie wollen ja vor Zusammenstößen beschützt werden – ja sie bezahlen sogar dafür. Diese "Kunden" kann man jederzeit per Funk um ihre Höhe fragen, oder sie strahlen ihre vom Höhenmesser abgegriffene Flughöhe sowieso über ihren Transponder automatisch aus. Man nennt solche Flugziele deswegen auch „cooperative targets“.

Die Transponder-Abfrage und Antwort wird übrigens über die oberhalb angebrachte Antenne – diesem Lattenzaun - abgewickelt. Nachdem solche Antennen erst später auf die Radargeräte eingerüstet wurden, nennt man diese Technik ein „Sekundärradar“.

 

Das Militär kann sich auf solche Freundlichkeiten aber nicht verlassen. Sie haben mit jenen Flugzielen zu tun, die eben NICHT gesehen, oder besser gesagt gefunden werden wollen. Man nennt solche „non-cooperative targets“. Solche Leute werden auf keinen Funkanruf antworten, und sie senden vor allem keine Transpondersignale aus.

Daher benötigte das Militär eine andere Art von Radargeräten, solche die auch eine Höheninformation liefern können, sogenannte "3D-Radargeräte". Und solche sind erheblich komplizierter und teurer als zivile ATC-Radars. Zusätzlich kam damals noch die Bedrohung durch die grenznahen Truppen der beiden Blöcke NATO und Warschauer Pakt hinzu. Das Bundesheer beschloss daher damals, Radargeräte zu beschaffen die sowohl 3D-fähig, als auch noch dazu mobil verlegbar sein sollten. Und solche Geräte gab es zu Beginn der 1980er Jahre noch gar nicht wirklich am Markt.

Denn erst knapp zuvor hatte die US-Army – aufgrund des Desasters bei der Befreiung der von Khomeini-Anhängern festgehaltenen US-Geiseln aus TEHERAN – beschlossen, ihre schnelle Eingreiftruppe „Rapid Deployment Forces“ aufzustellen. Und erst für diese begann die Industrie leistungsfähige 3D-Radare, die auch mobil verlegbar sind zu bauen.

Das Bundesheer entschied sich für ein Produkt der damaligen italienischen Firma SELENIA (heute LEONARDO S.p.A.), den Typ RAT 31S.

Quelle: Google Bilder Radar MRCS403

 

Was hier auffällt, ist die Antennenform, eine reine Schachtel. (Der Lattenzaun oben drüber ist das von der zivilen Seite schon bekannte Sekundärradar).

In dieser „Schachtel“ befindet sich eine - zum damaligen Zeitpunkt (1983) noch kaum verbreitete Hochtechnologie! Hinter der Abdeckplatte sind nämlich matrixförmig 64x64 (=4096!) kleine Antennen angeordnet, die über eine Steuerelektronik mehrere hunderte Male pro Sekunde derart zusammengeschaltet werden, dass sie gemeinsam einen bleistiftdünnen Strahl bilden, der nach einem Muster von oben bis unten alle Höhen während der Antennendrehung nacheinander abtastet.

Quelle Wiki: http://www.radartutorial.eu
Prinzip Höhenabtastung 3D-Radar

Damit bekommt man eine (ungefähre) Höheninformation – diese reicht aber aus „um mal schnell einen Abfangjäger zum Nachschauen hinschicken zu können“.

Diese Antennenform, genannt „phased array Antenne“, war damals noch neu, wird inzwischen bei vielen Geräten angewandt, wie auch bei den vom Bundesheer verwendeten Aufklärungs- und Zielzuweisungsradars (THALES) RAC-3D.

Quelle: Google Bilder RAC-3D
mobiles 3D-Radar RAC-3D

 

Der zweite Technologiesprung war die dazugehörige Datenverarbeitung gewesen. Elektronische Datenverarbeitung war damals in den 1970er Jahren noch eine absolute Geheimwissenschaft, deren Einsatz im öffentlichen Dienst sogar vom Bundeskanzleramt jeweils einzeln bewilligt werden musste.

Man hatte den Markt nach Anbietern durchsucht, die eine Luftraum-Management-Softwarelösung anbieten konnten. Das konnte eine Firma aus Großbritannien, einem Land, die sich aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen im zweiten Weltkrieg schon lange mit dem Problem beschäftigen hatte müssen „wie erkenne und überwache ich viele gleichzeitig einfliegende Flugziele“? Als Lieferant fungierte die englische Firma PLESSEY (existiert heute in dieser Form nicht mehr).

 

In der Folge entstanden in einem verbunkerten Bauwerk in den Salzburger Bergen das militärische Rechenzentrum, und ein einem „gehärteten“ Bauwerk im Stadtgebiet von WIEN das zivile Rechenzentrum, mit den zugehörigen Radarkonsolen.

Wie ursprünglich vorgesehen, übernimmt der zivile Teil von WIEN aus die Flugverkehrsleitung des gesamten zivilen „kooperativen“ Flugverkehrs mit inzwischen immerhin 3000 Durchflügen pro Tag. Zusätzlich sitzen in WIEN auch militärische Fluglotsen, die für das „Durchschleusen“ von militärischem Flugverkehr durch das „zivile Gewühle“ zuständig sind.

Im militärischen Bunker sitzen jene Luftraumüberwacher, die die „verdächtigen Kunden“ genauer unter die Lupe nehmen und ihnen gegebenenfalls auch Abfangjäger entgegenschicken. Was im Übrigen ein- bis zweimal pro Woche auch passiert – von der Öffentlichkeit allerdings weitgehend unbeachtet.........